Vertical Garden: dein Gartenprojekt auf kleinstem Raum

So pflanzt du Tomaten, Rauken und Kräuter zu Hause – in die Höhe


Lesedauer: 5 Minuten

Hast du Lust, mit einem kleinen Gedankenexperiment zu beginnen? Dann schließ, wenn du diesen Absatz gelesen hast, kurz die Augen und stell dir einen Gemüsegarten vor. Mit reifen roten Tomaten, die in der Sonne glänzen, knackigen grünen Gurken, duftendem Thymian, Rosmarin und Basilikum. Mit würzigem Hopfen und frischen Erbsen und Bohnen, die zarte weiße Blüten tragen. Stell dir vor, wie Hummeln und Bienen über die Blüten schwirren und sich ein Schmetterling in der Sonne auf den Blüten ausruht. Tauche für einen kurzen Augenblick ab...

Dann öffne langsam wieder die Augen. Und – was hast du gesehen? Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einen Garten, oder? 

Ein Mann steht auf seinem Balkon vor seinem vertikalen Garten in der Sonne und betrachtet sein Werk

Eigentlich überraschend, dass wir uns immer eine Fläche auf dem Boden vorstellen, wenn wir an einen Garten denken.

Gärtnern bedeutet für die meisten, ein Feld oder Beet zu bebauen. Die Maßeinheit für ein Feld ist Ar oder Hektar in Anlehnung an das Wort area – Länge mal Breite. Doch die Welt, in der wir leben, hat bekanntlich drei Dimensionen. Auch die Vertikale lässt sich hervorragend zum Gärtnern einsetzen. Und längst nicht alle Pflanzen brauchen Erde, um zu gedeihen. Immer mehr kreative Stadtgärtner entdecken das aktuell neu und nennen es: Vertical Gardening.

In Städten werden durch die Ausnutzung der Höhe gigantische vertikale Räume geschaffen.
Architekten planen Gebäude immer weiter in die Höhe (und Tiefgaragen in die Tiefe). Auch aus Kostengründen geht es um optimale horizontale Platzausnutzung. Die vertikalen Flächen dienen zwar der Statik, manchmal haben sie Fenster, um Licht in die Gebäude zu lassen, doch die Wände bleiben vor allem: ungenutzt. Dabei ist es egal, wie klein deine Grundfläche ist – die Höhe kannst du immer ausnutzen.


Vertikal denken: Der absolut neueste Gardening-Trend hat seine Wurzeln in den 80er Jahren

Konsequentes Vertical Gardening ist im letzten Jahrhundert bekannt geworden durch den französischen Biologen Patrick Blanc. Seine Faszination für Vertical Gardening begann, als er feststellte, dass manche Pflanzen nicht in der Erde wurzeln und damit so gut wie überall wachsen können. Er begann, im großen Stil Wände zu begrünen. Blanc und andere, die seinem Beispiel folgen, erschaffen heute in Städten auf der ganzen Welt lebende grüne Wände aus meist heimischen Pflanzen. Sie verschönern das Stadtbild, verbessern die Luftqualität und erhöhen die Biodiversität. Denn grüne und blühende Wände ziehen Insekten an: Wildwespen, Bienen oder Hummeln. Dann kommt es mitten in der Großstadt zu einem Surren, Schwirren und Summen. Tatsächlich gibt es auch immer mehr Imker im urbanen Raum. Die Artenvielfalt ist überraschenderweise in vielen Städten größer als auf dem Land, wo Pestizide und Anbau in Monokulturen zu einem drastischen Rückgang an Vielfalt führen.

Der Trend, in Städten leben zu wollen, trifft auf den Wunsch, schöner, wohnlicher und auch ökologischer zu leben.

Vertical Gardening bedeutet: konsequent in die Höhe pflanzen

Was Städteplaner im Großen umsetzen, tun nun immer mehr Menschen auch in ihrer eigenen urbanen Lebensumgebung. Mit Vertical Gardening holen viele Menschen mehr aus ihrer Umgebung heraus. Und entdecken damit den Gärtner in sich selbst. Pflanzen wachsen dann die Wände hoch, begrünen Balkongitter oder schlängeln sich von der Decke – aus gebrauchten Wasserflaschen oder anderen Dingen, die man völlig neu nutzt. Ob mit speziellen Pflanzsystemen oder selbstgebaut aus upgecycelten Materialien – an Wänden kann eine Menge wachsen. Nicht nur in professionell angelegten Projekten. Voraussetzung: Das zum Wachsen nötige Licht ist ausreichend vorhanden. In Innenräumen oder an eher dunklen Orten (etwa einer Nordwand) kannst du mit UV-Licht-Lampen arbeiten.

Mann bepflanzt eine hängende Palette mit Kräutern in der Sonne

Drei Projekte, die du ganz leicht umsetzen kannst

Da kribbelt es in den Fingern? Du willst auch eine grüne Wand? Dann los, beginne dein Projekt. Als erstes suchst du dir den Platz. Die Wand am Balkon? Das Balkongitter? Oder doch die Eisenleiter ins Dachgeschoss? Überlege, welche Konstruktion dein Untergrund tragen kann und klopf ruhig mal überall gegen. Mach eine Skizze und vielleicht auch eine Probebohrung, um die die richtige Dübelgröße zu ermitteln.

Wenn du gut planst, kannst du dein Projekt optimal an die Gegebenheiten vor Ort anpassen. Berechne ruhig auch das Gewicht deines Pflanzgefäss mit Erde. Und überlege, wie die Pflanzen wachsen und ob sie voluminös und schwer sie werden. Beginne im ersten Jahr mit kleineren, einfach zu kultivierenden Pflanzen wie Salat, Ringelblumen oder Radieschen und sammel erste Erfahrungen. Kaufe Qualitäts-Saatgut für ein optimales Ergebnis. Es lässt die gewünschte Pflanze zuverlässig keimen und wachsen. Selbst vermehrte Saat von Obst oder Gemüse aus hybriden Züchtungen ist dagegen oft nicht samenfest. Die Pflanzen gedeihen dann schlecht oder tragen nicht. Eine Alternative: Geh im Frühjahr auf den Wochenmarkt, dort gibt es vorgezogene Pflanzen, die sich dann leicht einpflanzen lassen. Dabei ergibt sich dann vielleicht auch ein Gespräch mit dem Gärtner auf dem Markt, der dir sicher viele gute Tipps geben kann.

Mann bepflanzt seinen hängenden Mauergarten mit Blumen und befestigt Flaschen als Pflanzenkübel

Projekt 1
Dein hängender Mauergarten

Ein einfacher Weg, um ohne größere Kosten aber effektvoll einen Garten an der Wand anzulegen, ist es, geleerte PET-Flaschen an einer Längsseite aufzuschneiden, mit Erde zu füllen und anschließend an der Wand aufzuhängen. Um die Flaschen an der Wand zu befestigen, hast du mehrere Möglichkeiten.

Am einfachsten ist es, zunächst ein Gitter aus Draht oder Holz an der Wand zu befestigen und die Flaschen daran aufzuhängen. Auf diese Weise sparst du dir jede Menge Bohrlöcher. Du kannst die Flaschen auch mit Bindfaden an einer Stange aufhängen oder von der Decke hängen lassen. Du kannst die Flaschen auch mit einem selbstgebauten Bewässerungssystem verbinden und eine Flasche als Wasserspender einsetzen. Damit sich keine Algen und Moose bilden, malst du sie mit einer deckenden schwarzen Farbe, die das Licht blockt, an. Das Wasser wird dann durch einen saugfähigen Baumwollfaden oder Stoffstreifen von Flasche zu Flasche geleitet. Nun musst du immer nur die Tankflasche mit Wasser befüllen und alle Pflanzen werden automatisch versorgt.

Mann zieht Naturseile durch einen Flaschendeckel

Welche Pflanzen du für dein Vertical-Gardening-Projekt aussuchst, hängt vom Aufbau des Systems ab. Denn wenn Pflanzen einige Wochen und Monate gewachsen sind,können Sie enorm viel Biomasse entwickelt haben und schwer geworden sein. Zucchini oder Kürbisse brauchen daher ein stabileres Gerüst. In hängende Systeme passen eher leichte Pflanzen wie Salat, der nicht tief wurzelt, kein großes Gewicht entwickelt und regelmäßig geerntet wird. Oder blühende Stauden und Blumen, die Farbe an deine Wand bringen, aber keine schweren Früchte ausbilden.

Suche die Pflanzen für dein Vertical-Gardening-Projekt nach der Stabilität der Pflanz­konstruktion aus

Der fertige Mauergarten mit bepflanzten Plastikflaschen hängt an der Hauswand auf dem Balkon

Projekt 2
So baust du Kräuterpaletten

Eine mit Kräutern bepflanzte Palette hängt am Balkongeländer


Ein Kräuterbeet aus Paletten wirkt natürlich, weil es aus unbehandeltem Holz hergestellt ist und es lässt sich in verschiedenen Etagen bepflanzen. Der Vorteil: alle Kräuter werden gleichmäßig mit Licht versorgt, weil sie sich nicht gegenseitig verdecken. Die Kräuter entwickeln einen wunderbaren Duft und verlocken zum Naschen. Und ein paar Blättchen Thymian oder Lavendel zwischen den Fingern zerrieben schenkt ein frisches, unmittelbares Dufterlebnis. Du kannst mit einer Palette anfangen, doch wenn du mehr Platz zur Verfügung hast, kannst du sie auch perfekt über oder nebeneinander verbinden. Die Paletten stellst du hochkant auf eine Schmalseite und dichtest zunächst die offenen „Fächer“ ab, indem du ein Brett drunter schraubst. Nicht nageln, das hält nicht so gut. Schlag die Fächer mit einer stabilen Folie aus und tacker sie oben fest. Damit die Palette stabil steht, befestigst du sie am besten gut an der Wand. Nun kannst du die Fächer mit Blumenerde befüllen und mit Kräutern bepflanzen. Wenn du Geduld hast, kannst du die Kräuter auch aus Samen züchten. Das dauert natürlich ein bisschen länger. Aber die Erfahrung, Pflanzen von Anfang an zu züchten, direkt aus dem Saatgut, ist einfach unvergleichlich.

Die bepflanzte Kräuterpalette von vorne am Balkon hängend

Projekt 3
Mach deinen Balkon zum Gemüseregal

Wenn du ein überdachtes Stück Wand hast, beispielsweise auf dem Balkon oder im Hof, dann kannst du einen Garten auf mehreren Etagen eines Regals bauen. Auch an Innenwänden deiner Wohnung geht das, wenn du zusätzlich mit UV-Licht arbeitest. Das ist besonders flexibel, denn auf die Bretter stellst du einfach bepflanzte Blumentöpfe. Verschiedene Größen lassen sich in den Regalfächern gut unterbringen. Ob du lieber Tomaten, Erdbeeren oder Zwiebeln züchtest oder eine spektakuläre Strukturenvielfalt in hunderten Grüntönen erschaffst, hängt von deinen Vorlieben ab. Und wie in jedem traditionellen Bauerngarten gedeiht auch in deinem vertikalen Gartenregal eine Mischung aus beidem.

Ein Holzregal mit drei Etagen voller bepflanzter Töpfe auf dem Balkon
Eine Person hockt vor seinem Pflanzenregal auf dem Balkon und bestellt es

Wichtig bei einem Gemüseregal: Das Regal sollte wirklich standfest und nach Möglichkeit zusätzlich an der Wand verankert sein. Falls du ein Standregal mit seitlichen Leitern verwendest, lege eine Schlaufe aus einem reißfesten Band darum und befestige sie mit Schraube und Dübel an der Wand. Die Pflanzgefäße sollten unbedingt auf einem Untersetzer oder in einem Kübel stehen. Sonst setzt du bei jedem Gießen dein gesamtes Regal unter Wasser.

Ein Garten entschleunigt
Pflanzen sind keine Stresser. Sie wachsen langsam und stetig. So langsam, dass du sie beim Wachsen nicht beobachten kannst. Du siehst nur jeden Morgen, wie sie sich entwickelt haben. Wenn du ein Urban Gardening Projekt beginnst, sammelst du deshalb während der gesamten Saison Erfahrungen... Und vielleicht lernst du beim Gärtnern auch neue Dinge über dich selbst.

  • Bist du eher der Typ, der sich einmal in der Woche die Gartenklamotten anzieht und richtig Einsatz zeigt?
  • Oder arbeitest du gerne ruhig vor dich hin und machst jeden Tag ein bisschen?

Mit beiden Strategien kommst du beim Gärtnern zum Ziel. Aber etwas Planung hilft dir, unliebsame Arbeiten wie Unkraut zupfen in Schach zu halten. Und Wässern solltest du auf jeden Fall regelmäßig, damit deine Pflanzen gut wachsen.

Ein Mann steht am Fenster und schaut zufrieden nach draußen

Trendsetter Paris: ein Drittel der grünen Fläche wird in Urban Farms umgewandelt

Ein Blick auf deine Stadt bei Google Street View oder Apple Maps zeigt die Straßen und Häuser auch aus der Vogelperspektive. Dies offenbart einen Blick in die Tiefe und zeigt: Abgesehen von Bäumen und, ja, auch einigen Parks bietet die Stadt vor allem eins: Potenzial für noch viel mehr Grün. Auf Dächern, an Wänden und Fassaden.

Die Stadt Paris ist hier seit Kurzem Vorreiter: Sie hat sich 2016 das offizielle Ziel gesetzt, die Dächer der Stadt mit 100 Hektar Grünfläche aufzuwerten. Ein Drittel des Grüns soll dem Urban Farming gewidmet sein. Firmen und Behörden setzen den Plan schon um. Dabei wendet sich der Plan aber auch ausdrücklich an die Bürger der Stadt. Sie werden ermutigt, in eigenen Projekten aktiv zu werden.

Urban Farms schießen nun sprichwörtlich aus dem Boden und viele Einwohner bauen seitdem Karotten, Kürbisse und Kräuter an – mitten in ihrer Millionenmetropole. Dächer und Wände werden grüner. Nutzpflanzen werden in der Stadt angebaut. Und auch Kleintiere wie Hühner und Bienen gehalten. Paris, ganz im Sinne Voltaires, der schon 1759 (!) sein Buch „Candide oder der Optimismus“ veröffentlichte und in dem der Held nach einem langen abenteuerlichen Leben sagt: „Wir müssen unseren Garten bestellen.“

Zeit für ein weiteres Gedankenspiel: Paris, Stadt der summenden Bienen und des zarten jungen Grüns. Wo Wein und Efeu die Wände der Innenhöfe schmücken, wo die Balkone der hellen Stadthäuser ein Meer an Blüten halten und Pflanzkörbe mit leuchtenden Hängepetunien an den Laternen hängen. Und wo im Sommer auf den Plätzen Hochbeete aufgebaut werden für Kräuter, Rote Beete und Zucchini.

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